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Feierabend für Figuren?

… wenn der innere Schweinehund in den Sonnenuntergang reitet und das Herz aus vollem Halse lacht
… wenn Unterhaltungen für fragwürdig gehalten werden und sich auf die Wirkung des Augenblicks auswirken
… wenn sich stumme Schreie emporwinden und für immer… für sehr lange Zeit in der Luft liegen
… dann, ja dann sollten die Figuren vielleicht mal Feierabend machen.
Die Rede ist von rhetorischen Figuren und Stilmitteln. Auch wenn die antike Rhetoriklehre immer noch den Grundstein der heute gebräuchlichen Stilistik der Linguistik und Literaturwissenschaft bildet, bleibt die Figurenlehre bis heute umstrittenes Terrain. Erfahren Sie mehr über den korrekten Einsatz von Stilmitteln im Text und lesen Sie diese Ausgabe der Textbroker Academy.

Liebe Textbroker-Autoren,

 
… wenn der innere Schweinehund in den Sonnenuntergang reitet und das Herz aus vollem Halse lacht
… wenn Unterhaltungen für fragwürdig gehalten werden und sich auf die Wirkung des Augenblicks auswirken
… wenn sich stumme Schreie emporwinden und für immer… für sehr lange Zeit in der Luft liegen 
… dann, ja dann sollten die Figuren vielleicht mal Feierabend machen.
 
 
Die Rede ist von rhetorischen Figuren und Stilmitteln. Auch wenn die antike Rhetoriklehre immer noch den Grundstein der heute gebräuchlichen Stilistik der Linguistik und Literaturwissenschaft bildet, bleibt die Figurenlehre bis heute umstrittenes Terrain. Zwischen Tradition und Innovation, zwischen „alter“ und „neuer“ Rhetorik, fand man bisher noch keinen gemeinsamen Konsens.
 
 

Hohe Kunst oder verlorenes Sprachspiel?

Rhetorische Figuren und Stilmittel erreichen die gewollten „Abweichungen von der geraden, glatten und flachen Ausdrucksweise, Abweichungen von der einfachen Stellung und Ordnung der Worte, Abweichungen vom gewohnten Ausdruck, Abweichungen von der Ruhelage der Vorstellungs- und Mitteilungsweise überhaupt“. Vor allem in der Prosa und Poesie erfindet sich die Sprache immer wieder neu, was den Reiz des Lesens und Schreibens ausmacht. 
 
Bei Textbroker geht es meist um das Schreiben eines Auftrags, der weniger kreativen Schreiberguss, als sprachliche Präzision verlangt. Deshalb widmet sich diese Academy-Ausgabe den bekanntesten Stilmitteln. Wohldosiert dienen sie einem flüssigen und ästhetischen Stil, unfreiwillig verwendet oder falsch umgesetzt brechen sie jedoch der schönsten rhetorischen Figur das Bein.   
 
 

Anapher, Geminatio

Vor allem Goethe wusste Stilmittel wie kein Zweiter einzusetzen. „Wer nie sein Brot mit Tränen aß, wer nie die kummervollen Nächte auf seinem Bette weinend saß“, der hätte wohl nie eine derart kunstvolle Anapher hinbekommen. Die Wiederholung einzelner Wörter oder Wortkombinationen zu Beginn aufeinanderfolgender Satzteile markiert wichtige Stellen und strukturiert den Text. Im Fall einer Geminatio wird durch die unmittelbare Wiederholung eines Wortes (beispielsweise beim Ausruf „Niemals, niemals komme ich zurück!“) die Wirkung einer Aussage verstärkt.
 

Alliteration

Auch die allseits anerkannte Alliteration verdeutlicht, dass etwas Besonderes im Gange ist. Lecker, locker, leicht – für einen Werbeslogan eines Rezepts ideal. In den meisten Fällen verfeinern solche Figuren den Sprachrhythmus und verhelfen zu besserem Lesefluss. Die Schreibrealität lehrt uns jedoch, nicht zu übertreiben.
 

Hyperbel

Apropos Übertreiben – die Hyperbel wirft wörtlich übersetzt gerne mal über das Ziel hinaus. Schreibt der Autor todmüde, kann es also blitzschnell vorkommen, dass es dieses Stilmittel wie Sand am Meer gibt. Damit die eigene Aussage nicht an Glaubwürdigkeit verliert, sollte man also vor der Verwendung lieber 1000 Mal überlegen. 

 

Antithese

Einen ähnlichen Effekt erzielt die Antithese durch die Gegenüberstellung extremer Gegensätze. „Die Kunst ist lang, und kurz ist unser Leben“, wusste schon Goethe und hebt durch die Anwendung einer rhetorischen Figur die Wichtigkeit seiner Aussage hervor. 
 
Im Gegensatz dazu sind viele Stilmittel dafür verantwortlich, eine authentische Alltagssprache zu imitieren, die für die Interpretation der erzählten Geschichte Möglichkeiten birgt.  
 

Anakoluth

Ein Anakoluth verwendet unbewusst jeder normale Mensch, der nichts auswendig Gelerntes vorträgt. Der Sprecher unterbricht seinen Satz, um sich selbst zu korrigieren, um diesen ins Leere laufen zu lassen oder um doch auf eine andere Satzkonstruktion umzusteigen. 
Da wir jedoch auf korrekte Grammatik achten, empfehlen wir dieses Stilmittel nicht. 
 
Vorsicht vor unfreiwillig verursachten Stilmitteln. Viele Stilmittel passieren wie ein Unfall. Wenn Autoren in leidenschaftlichem Schreibwahn ihre Werke verfassen, dann kann es sein, dass sich Stilmittel ungewollt einschleichen. Wer die Gefahr kennt, hat sie schon zur Hälfte gebannt.
 

Metaphern, Redewendungen

Der Gebrauch von bildhafter Sprache in Form von Metaphern und Vergleichen ist löblich, da anschaulich, kann aber im wahrsten Sinne des Wortes schiefgehen. Schiefe Bilder oder schiefe Redewendungen sorgen zwar für ein Schmunzeln, aber als Autor will man ja ernst genommen werden. Deshalb Augen auf im Schriftverkehr: Was die eigene Vorstellungskraft nicht zulässt, sollte man keinem anderen zumuten. Vorsicht also vor rasselnden Messern – entweder die Säbel rasseln lassen oder die Messer wetzen.   
 

Oxymoron

Solche Stilfehler betreffen nicht nur die falsche Wahl von Bildern, sondern auch von Wortkombinationen, die sich eigentlich gegenseitig ausschließen (z.B. „Sachliche Romanze“ von Erich Kästner). Ist dies vom Autor so gewollt, um einen mehrschichtigen Sachverhalt darzulegen, handelt es sich um ein Oxymoron. Ist dies vom Autor nicht gewollt, handelt es sich streng genommen nicht mehr um das Stilmittel, da dieses ja einen beabsichtigten Gebrauch voraussetzt, sondern wird zu einem Lapsus. Wer klug ist, lässt die Finger von „vorläufigen Endergebnissen“ und gelangt ohne Widersprüche ans Ziel.  
 

Redundanz

Ebenso können Redundanzen Verwirrung stiften. In richtiger Verwendung dient die Mehrfachnennung einer Information dazu, dass der Leser sie sich besser einprägt. Das nutzt die Deutsche Bahn, indem sie darauf hinweist, man solle „Fahrplan drucken“ wählen, wenn man den Fahrplan drucken möchte. In falscher Verwendung leidet der Stil, auch wenn es zweifelsohne stimmt, dass etwas nur Spaß macht, wenn es Spaß macht.
 
 
Für jedes einzelne Mittel gilt die allseits bekannte, für jede Situation anwendbare Meisterregel: immer die Begleitumstände prüfen. Was für den einen taugt, funktioniert beim anderen nicht. Passend zu machen, was eigentlich NICHT passt, sollte hierbei kein Bestreben sein. Wenn ein Bestattungsinstitut euphemistische (beschönigende) Formulierungen für den adäquaten Umgang mit seinen Kunden benötigt, so ist diese Vorgehensweise bei einer Analyse des Finanzmarkts fehl am Platz. 
Abweichungen von gewohnten Formulierungen sind gestattet, solange sie keine ausweichenden Reaktionen (Fluchtreflexe) beim Leser auslösen.
 
 
 

*Wussten Sie schon?*

Die antike Einteilung unterscheidet vier Änderungskategorien (figurae per adiectionem, figurae per detractionem, figurae per transmutationem und figurae per immutationem), die von etwas einfach Gesagtem ausgehen, das durch eine Veränderung zum rhetorischen Mittel wird. Das heißt konkret: Die ursprüngliche Bezeichnung verändert sich durch eine der vier Arten Erweiterung, Auslassung, Vertauschung oder Ersetzung.
 
 

*Vielleicht lieber modern?*

Eine neuere Klassifikation teilt die rhetorischen Mittel in bildhafte Figuren (Tropen und Sprachbilder), Satz- und Wortfiguren (Effekt wird durch Abweichung üblicher Syntax oder Wortverbindungen hergestellt), in Klangfiguren (Effekt liegt im Klang) und sonstige Stilfiguren.
 
 
Wir hoffen, dass wir Ihre geschulten Autorenaugen für so manche besondere Wortkombination schärfen konnten.
 
Ihre Textbroker Academy wünscht Ihnen viel Spaß beim Schreiben für andere, vor allem aber beim Schreiben für Sie selbst.

 


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